Volk ohne Masse? Der Corso Leopold muss ausfallen.

13. Aug 2021

Jahr für Jahr lockte der Corso Leopold mit dem zeitgleichen Streetlife-Festival an zwei Wochenenden im Jahr bis zu 600.000 Besucher an. Damit hat es nun ein Ende. Den Corso Leopold wird es auf absehbare Zeit nicht mehr geben.

Alle Kulturschaffenden, die vielen Besucher und Freunde sollen wissen: Das Ende von offenen Massenveranstaltungen ohne Einlasskontrollen und Absperrungen ist gekommen.

Damit reiht sich der „Corso“ in eine historisch zu nennende Tendenz unseres Zeitalters ein. Menschen-Aufläufe, Rock-Bands vor tanzendem Publikum oder politische Versammlungen, stets selbstverständlicher Teil unseres sozialen Lebens, sind jetzt ohne strenge Abstands-Regeln nicht mehr möglich. Großereignisse bis hin zu spontanen Feiern nach Meisterschaften sind ausgeschlossen. Stattdessen: Home-Office statt Büro, Distanz statt Nähe, Feierabendbier statt Oktoberfest, Kontrolle statt Spontaneität. Die Masse ist zur Gefahr geworden, gemeinsames Feiern verdächtig oder untersagt.

In aller Deutlichkeit: Die Regeln sind notwendig, solange (und weil) sie Menschenleben retten. Die „Querdenker“ handeln verantwortungslos, wenn sie gegen ein politisches Regelwerk aufbegehren, über das man diskutieren kann, dessen bestens begründete Notwendigkeit für das öffentliche Leben aber unbestreitbar ist. Wir werdenm, wiees so schön heißt, „mit Corona leben“ müssen.

Was aber unser Volk, seine Kultur, sein sozialer Zusammenhalt, seine politische Verfassung an Qualität verliert, wenn die „Masse Mensch“ (Ernst Toller) abgeschafft wird, muss uns klar sein. Es geht darum zu klären, was es heißt, wenn das Volk nicht mehr „massenhaft“ in Erscheinung treten darf und zur Gefahr für sich selber wird.

Der erwähnte Ernst Toller, typischerweise ein Schwabinger Revolutionär und Schriftsteller, schrieb eingangs seines Dramas von 1919:

Die Massen/
Auferstanden frei vom Paragraphenband/
Der feisten Herrn am grünen Tisch/,
Armeen der Menschheit werden sie mit wuchtender Gebärde/
Das Friedenswerk zum unsichtbaren Dome türmen.

Diese revolutionäre Gebärde hatte die Volksmasse bei den „Herrn am grünen Tisch“ längst in Verruf gebracht, als die Philosophie – es war zuerst G.W.F. Hegel in seiner Rechtsphilosophie - Newtons Begriff der Masse, ausgelöst vom Massenereignis der Französischen Revolution, in den denkenden Diskurs übernahm. Menschen hatten sich 1789 zu historischen Massen zusammengeballt und in ihr eine derartige Wucht („Trägheit“) entwickelt, dass sie Schlösser, Kathedralen und Aristokratien zum Einsturz brachte und seitdem die Weltgeschichte beherrscht: Als Hoffnungsträger wie Schreckgespenst, als Massendemokratie in China oder in Massenveranstaltungen der jüngsten Gegenwart, seien es sportliche Großereignisse wie Meisterschaften und Olympische Spiele, Open-Air-Festivals, Kirchentage, Massendemonstrationen wie 1989, zuletzt in Hongkong (mit über einer Million Menschen) - und sicher auch der Corso Leopold - gehörten Zusammenballungen noch in ein anderes Zeitalter. Die gleichgesinnten Vielen trafen sich, versammelten sich, zuweilen bis hin zur berühmten „kritischen Masse“ und huldigten ihren Göttern: Was dem einen der Gambrinus, war den anderen der Frieden, die Freiheit, der Bacchus. Massierungen von Volk verliefen in der Regel friedlich, gerieten zu machtvolle Manifestationen der schieren Masse, im Westen geschützt vom Versammlungsrecht (seit 1848) und behördlich genehmigt. Für die Teilnehmer ein fröhliches Miteinander mi Fahnen und Gesängen, für die herrschende Politik oft unbequem.

In pandemischen Zeiten haben die Massenauftritte endlich ihre Unschuld verloren. Einst ging man einfach hin und machte mit, hörte mit; war einfach nur dabei. Die Black Lives Matter-Demonstrationen in den USA von 2020 waren dann schon abstandsgeregelt. Die aktuellen Massendemonstrationen „gegen Corona“ (zB in Frankreich) dienen dagegen nur noch der Selbstvergewisserung des Willens zur Abstandslosigkeit. Die Massen wollen sie den „feisten Herrn am grünen Tisch“ (E. Toller) zeigen, dass man „lieber aufrecht sterben statt knieend dienen“ (Motto der „Querdenker“) wolle. Da überlebt der naive Wunsch, eine vergangene Zeitfigur erhalten zu wollen.

Damit bestätigt sich ein historischer Befund. „Corona“-Regeln sind die herrschende, quasi unaufhaltsame Tendenz unserer Zivilisation:

Die Vereinzelung des Menschen.

Wir dürfen, können und wollen jetzt keine Masse mehr bilden. Vereinzelung bewegt das Volk aus der potenziellen Masse hinein in ein privates, oft mit hemmungsloser Wut geschütztes Eigen-Leben, das sich kleine Blasen der Gemeinschaft sucht, sich wie in Sekten zusammenschließt und bloße Meinungen als Wahrheiten gegenseitig bestätigt („Echokammer“). Der Kontakt zur Außenwelt („DIE Medien“), ist als oft nur noch „große Lüge“ vorhanden, und dient dazu, den Meinungs-Wahnsinn der eigenen, für privat gehaltenen Echokammer zu bestätigen. Gleiches gilt auch für das „unschuldige“ gemeinsame Feiern: es ist verboten, die Gefahr der Massenbildung ruft die Herrschaft auf den Plan. Feiern im privaten wie im öffentlichen Raum darf es nicht mehr geben.

Selbstverständlich trifft sich diese Entwicklung mit dem Übergreifen des „Internets“ in die privaten Lebenswelten derer, die „ans Netz“ angeschlossen sind. Insbesondere Kinder und Jugendliche wurden „von der Straße“, wo sie sich gerne treffen (würden), in ihre virtuellen Schein-Welten abgezogen. Vielen Kinder zeigen bereits Suchtsymbole: Der Entzug „vom Internet“ führt zu Schmerzen und Leiden.

Die massenhafte Vereinzelung der Vielen bezeichne ich als Auflösung der Masse.

Was sie für unsere Demokratie, für unser Zusammenleben bedeutet, ist derzeit nicht absehbar. Erkennbar aber ist, dass diese Vereinzelung mit den finsteren, Angst einflößenden Aussichten auf die Klimakatastrophe zusammentrifft, in der ein jeder Vereinzelte nur noch sein Überleben retten möchte, indem er seinen je eigenen Ausweg aus der harten Realität sucht: In einer Welt, wo es „das Problem“ nicht gibt. Aus einer Welt, deren Regeln von „Herren am grünen Tisch“ gemacht und über „die Medien“ vermittelt werden.

Ein Volk ohne Masse ist kein Volk mehr.

Klar ist daher, dass Vereinzelung keine Lösung zulässt, die uns aus den Gefahren der Gegenwart, gar der Zukunft herausführt. „Wir das Volk“ muss sich wappnen vor all dem, was da auf uns, die Menschheit, zukommt. Zukunftsaufgaben können nur gemeinsam gelingen, in der Versammlung, der Gemeinschaft, der Zusammenkunft der Vielen, dem Gefühl der Zusammengehörigkeit angesichts einer gemeinsamen Zukunft. Die Demokratie lebt seit alters von der schrankenlosen, der unbedingten Versammlung derer, die sich hinzugesellen wollen. Das gilt für jede Feier, jedes kulturelle Ereignis. Zu erinnern ist, dass griechische Poleis ihre Theater so groß bauten, dass ein jeder sie besuchen konnte. Eine alt-griechische, eine schweizerische Volksversammlung, zu der nicht ein jeder Bürger sich gesellen kann, ist keine Versammlung. Wollen wir die wesentliche Errungenschaft der Demokratie, (politische) Lösungen für Herausforderungen in der Begegnung zu finden, erhalten, weil ein Einzelner weder eine Lösung für alle weder finden noch durchsetzen kann. Wir müssen uns wieder auf die positive Macht der Masse besinnen!

Noch Hegel hat die Masse in seiner Rechtsphilosophie unter republikanischen Bedingungen als abhängig vom „Monarchen“ verstanden, „ ohne “ den „[d]as Volk [...] eine form-lose Masse“ wäre, die „kein Staat mehr ist“. Erst das Vorhandensein einer staatlichen Macht formt die Masse zum Volk. Aber ohne Masse gibt es kein Volk und keinen Staat.

Wann kommen wir wieder in Massen zusammen?

Weil ein massenhaftes sich Versammeln der Menschen im öffentlichen Raum immer auch in die Zuständigkeit der Politik fällt, so wird die Politik eine Lösung finden und durchsetzen müssen, die das Volk als Masse wieder erlebbar und möglich macht. Sie wird die geeigneten Regeln formulieren, im Falle der Corona Pandemie all jene Maßnahmen zur Bedingung einer schrankenlosen Zusammenkunft machen, die sie möglich machen. Denn Freiheit war immer schon auch die Freiheit der anderen, womit Freiheit auch heißt, sich gemeinschaftsbildenden Regeln zu unterwerfen. Wer also in einer Gemeinschaft der Vielen sich versammeln möchte, darf andere Menschen nicht via Ansteckung gefährden. Man muss sich immunisieren.

Immunität ist die künftige Regel für die Masse.

Wenn aber nicht „die Herren vom grünen Tisch“ die Regeln des Immunisierens bestimmen sollen, weil wir eine Demokratie der selbstbestimmten Einzelnen sind, dann müssen die Individuen in der Masse selbst ihre Regeln bestimmen.

D.h.: In der Masse muss sich ein Bewusstsein dafür entwickeln, dass Regeln aus freiem Willen einzuhalten sind. Dieser Bewusstseinswandel lässt auf sich warten, ist aber unabdingbar, um wieder in der Masse zusammen treffen zu können.

Dann, und nur dann, können wir uns wieder als Volk feiern.

Dann, und nur dann wird es den Corso Leopold wieder geben.

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